*Ein Bericht von Behrend Hein*
Bevor ich mit meiner Schilderung einer feucht- fröhlichen Segelreise auf dem Dreimast- Toppsegelschoner „Albatros“ loslege, möchte ich sowohl das Schiff als Opfer unglücklicher Anordnungen und danach die beteiligten Kameraden schildern, die sich statt einer gemütlichen Segelreise in das Kattegat plötzlich gefährlichen Vorfällen ausgesetzt sahen, die leicht in ein Verderben hätten führen können.
Also beginne ich höflicherweise mit einer Dame, die 1942 als „Dagmar Larssen“ auf einer dänischen Werft aus alter dänischer Eiche als Frachtsegler gebaut wurde und als solcher unter verschiedenen Besitzern Fracht durch Nord- und Ostsee transportierte und sogar in der maritimen Filmserie „Die Onedine- Linie“ mitwirkte. Nur wer hübsch ist, kommt zum Film! Oder? 1975 kaufte „Clipper- Deutsches Jugendwerk zur See“ das Schiff und setzt es seitdem als drittes Fahrzeug seiner Flotte zum Ausbildungsschiff für Schulklassen und Seefahrtinteressierte ein. Die „Albatros“ ist 36 m lang, hat eine Masthöhe von 24,50 m und trägt eine Segelfläche von 300 qm.
Der Kapitän Z. dieser Reise war Herr von 30 Mitseglern und pensionierter Seelotse auf der Elbe. Er zeichnete sich durch ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein aus nach dem Motto: Ein Seemann muss alles können und ich bin der Beste! Segeln hatte er erst vor einem Jahr gelernt, jedenfalls so viel, dass er selbst damit zufrieden war. Seinen Ersten Steuermann kannte er schon seit Jahrzehnten aus der Schwergutfahrt in alle Welt und hatte ihn mit an Bord gebracht. Im Gegensatz zu ihm hatte der schon seit Kindesbeinen mit seinem eigenen Boot und dem leuchtend roten Segel die Gewässer um Cuxhaven und vor allen Dingen die Schifffahrt unsicher gemacht. Der Zweite Steuermann Hermann war auch zur See gefahren, doch hatte man ihn bei einer Rotweinfeier in einer spanischen Spelunke so schwer zusammengeschlagen, dass ihm die weitere Seefahrt verleidet wurde, doch die Liebe zu ihr kehrte zurück und sah ihn jedes Jahr auf einem der Clipper- Segler. Welch hervorragender Seemann er war, davon wird noch zu berichten sein.
So trafen zu dieser Reise so unterschiedliche Leute zusammen, dass man für viele Aufgaben einen Spezialisten zur Verfügung hatte…oder auch nicht (warte es nur ab!)! Löblich zu erwähnen wären da die beiden ehemaligen Feuerwehrleute, denen wir einen Teil unserer Rettung zu verdanken haben.
Sicherheitseinweisung mit Schwimmwesten, Verhalten im Seenotfall und weitere Themen zum Feuerlösch erfolgten und dann die beruhigende Mitteilung, dass der Lärm der stets bohrenden Holzwürmer nur in der ersten Nacht zu hören wäre, in der nächsten wäre man zu müde dafür. Also, Spaß herrscht noch auf allen Wellen!
Durch den Großen Belt gesegelt und dabei wurden die Anfänger mit der Handhabung der Segel vertraut gemacht, bis es schließlich durch den Samsö Belt ging und man bald den Schutz von Jütland verlor. Nun wurde es bei östlichem Wind von Stärke 5 ungemütlich. Als der Norddeich Radio jedoch ein Aufbrisen auf Stärke 7 ankündigte, waren Zweifel berechtigt, doch der „Alte“, also unser Kapitän, meinte mit dem Brustton voller Überzeugung, man hätte ihm bei der Übergabe der „Albatros“ ihre gute Seetüchtigkeit versichert. Wir könnten ja immer noch die Insel Anholt anlaufen.
Also legte sich die Freiwache beruhigt schlafen, bis ein starkes Schaukeln und ein nachfolgendes Ächzen der Holzverbände den Ersten Steuermann gegen 11.00 Uhr weckten. Der stand auf und hüpfte unter Zuhilfenahme sämtlicher Glieder zur Messe, wo der beste Koch der sieben Weltmeere bereits seine Mahlzeit im Stehen, im Liegen und im Schweben fertiggekocht hatte. Der Erste Steuermann langte seinen Teller über den Tresen und während der Koch ihn auffüllte, reiherte ein Seekranker ihm seine Ladung über den linken Arm hinweg ins Leere. Macht nichts, das kommt vor und störte ihn nicht! Doch dann wurde er doch hellhörig! Von der anderen Seite her spritze ihm ein Wasserstrahl über den rechten Arm und der kam aus den Fugen der Außenhaut. Zugleich hörte er unter sich bei jedem Überholen des Schiffes ein Plätschern. Das Schiff macht Wasser!! Das Essen so schnell wie möglich hinuntergeschlungen, dass man fast von einem Einatmen sprechen könnte und hoch an Deck gehastet. Dort erwartete ihn schon ein blasser Kapitän mit der Bemerkung, dass der Doppelboden bereits voll Seewasser wäre und dieses anstiege. Die Besatzung würde im Augenblick für einen zu erwartenden Notfall und zum Lenzen geweckt, wobei den beiden Feuerwehrleuten der Einsatz der tragbaren Pumpen anvertraut werde. Der Erste Steuermann solle das Kommando an Deck übernehmen und dafür den Zweiten Steuérmann Hermann sowie drei Helfer bekommen, der eine ein erfahrener Rudergänger, eine handfeste Dame, der andere ein Maurer auf seiner ersten Reise. Er würde, also der Kapitän, das Lenzen unter Deck überwachen. Na, denn mal los! Der Erste Steuermann machte sich über die Ursachen des Wassereinbruchs seine Gedanken und glaubte nicht an ein Leck von einer Grundberührung her. Als er dann die sich durch den Starkwind biegenden Masten ansah und das mit dem Ächzen der Beplankung in Einklang brachte, wusste er blitzartig, wodurch der Schaden entstand. Die schwergeprüften Masten versuchten das Schiff nach der Leeseite zu drücken und der Kiel hielt dem mit seinem Gewicht entgegen. Die hölzerne Außenhaut fing die Belastung auf, auf der Leeseite wurden die Planken zusammengedrückt, auf der Luvseite auseinandergezogen, wobei die alte Kalfaterung zwischen den Planken nicht dichthielt und das Wasser durchlaufen ließ. Die Dame wurde mit der Nachricht zum Kapitän geschickt, dass eine Verringerung der Segelfläche vorgeschlagen wird. Sie kehrte mit der Bemerkung zurück, dass der Alte nicht reagiert hätte. So turnte der Erste Steuermann selber in den Unterraum, denn Kapitän ist eben Kapitän und muss über alles informiert werden. Doch der schien sich mehr über die alten kaum arbeitenden Pumpen zu interessieren und stierte völlig abwesend in die Bilgen. Dann übernähme er die Verantwortung an Deck und würde sowohl Segel einholen als auch Reffs einlegen, schlug der Erste vor und verschwand schnell nach oben an die frische Luft, völlig entsetzt über das Verhalten seines Kapitäns. Die Fock flatterte knallend auf den Klüverbaum und wurde mit Zeisingen seemännisch gelascht. Geschafft! Nun sich an den Gaffelbesan gewagt. Piek- und Klaufall wurden gleichmäßig gefiert und sorgten für ein Ablegen des Piekbaumes an Deck. Was für ein herrliches Gefühl, wenn man solch ein Segel trotz des Sturmes eingefangen hat und es jetzt mit Tauwerk einwickeln darf! Die „Albatros“ dankte den Fünfen mit einem leichten Aufrichten und vermindertem Ächzen. Das vordere Gaffelsegel am Fockbaum sollte vorläufig als einziges voll stehenbleiben und für den nötigen Voraustrieb sorgen, nur das hintere am Hauptmast musste gerefft werden. So ließ der Erste Steuermann das Schiff so weit anluven, also den Einfallswinkel des Windes verkleinern, bis die Segel anfingen zu „killen“, was man auch mit „Schlackern“ erklären könnte. „Fier das Piekfall, fier das Klaufall!“ wurden die Kommandos, bis ein Drittel des Segels lose auf dem Baum lag und auf sein Laschen wartete. Dafür hatten wir ja Hermann, denn die übrigen sollten diese gefährliche Arbeit nicht ausführen. Hermann rutschte mit Zeisíngen bewaffnet grätschend auf dem Baum und sicherte das Segeltuch. „Jeder Seemann ein Artist und das ganze Schiff ein Zirkus“, dieses alte Urwaldwort fiel dem Ersten dabei ein. Und wieder das Kommando: „Fier das Piekfall!“ Doch mit einem Mal knallte es laut, eine Leine segelte zischend durch die Luft und der Gaffelbaum schlug von seiner Schot befreit über die kochende See und wurde meterweit hin- und hergeschleudert…und mit dem sich festklammernden Hermann auf seinem Rücken. Was war passiert? Ich habe nichts gegen Maurer, nur wenn sie ein Kommando falsch verstehen und die Großschot loswerfen, dann kann man schon böse werden! Fünf erschreckte Menschen zogen gleichzeitig an der Schot, immer dann, wenn das Schiff nach Backbord überholte und eine Lose gab. So wurde das Gaffelsegel samt dem guten Hermann sicher zurückgeholt. Ein allgemeines Aufatmen folgte! Beim Reffen der Fockgaffel stand der Erste persönlich an der Schot. Die „Albatros“ schaute dankbar auf die See und wahrscheinlich auch auf uns und folgte ihrem Kurs auf Anholt zu. Nach einer Weile kam der Kapitän an Deck und berichtete stolz vom Erfolg seiner Pumpen und vom Nachlassen des Wassereinbruches. Toll hast DU das gemacht! Anholt kam in Sicht und in seinem Schutze wurden die letzten Segel weggenommen und der Rest dem Motor überlassen. Und auch da wieder die falsche Entscheidung! Eine Faustregel besagt, dass man im Bereich einer fünfzehnfachen Höhe eines Berges sich noch im Windschatten befindet, doch der Anker fiel genau kurz außerhalb deren Grenze und im Gebiet, wo sich die Windströme der Insel wieder in einem Winkel von 45 Grad trafen.
Im Sonnenschein und einer glücklichen Wetterbesserung wurden die Schäden besichtigt. Sämtliche Kojen an der Backbordseite hatten unter Wasser gestanden und die Klamotten durchnässt. Somit wurden an Deck Leinen zum Trocknen gespannt und schenkten der ganzen Szene eine romantische Idylle. Der Abend kam mit lauen Lüften daher und sah unter den Textilien die gesamte Besatzung lachend bei Wein und Bier sitzen. Die Steuerbordschläfer wurden aufgefordert, ihre halbe Koje den Feuchtigkeitsflüchtlingen zur Verfügung zu stellen, was bei einer Überzahl weiblicher Mitreisenden seinen besonderen Reiz hatte.
Nur der beste Koch aller sieben Weltmeere konnte sich nicht über das glückliche Ende freuen. Hunderte seiner Konservendosen hatten im Wasser gelegen und ihre Etiketten ablösen lassen. Nun wusste er nicht mehr, welchen Inhalt sie ihm verschwiegen. Da half kein Schütteln und kein Befragen, erst ein Öffnen verriet ihm ihr Geheimnis. Seit diesem Tage gab es immer „Leipziger Allerlei“. Guten Appetit also!
B.F. Hein